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Schwerhörigkeit im Alter

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Schwerhörigkeit führt zu sozialer Isolation und erhöht das Risiko von Demenz

Dass mit dem steigenden Alter eine Abnahme des Hörvermögens verbunden ist oder sein kann, ist eine altbekannte Tatsache. Es gibt dafür verschiedene Ursachen. Wir wollen uns in diesem Artikel aber weniger mit den Ursachen, sondern mit den Folgen beschäftigen. Und mit der Frage, wie wir diese bewältigen können.

Ganz klar: Ein reduziertes Sprachverständnis kann Störungen in der Kommunikation und der sozialen Beziehungen zur Folge haben. Weniger bekannt ist, dass es auch der Entwicklung von Demenz und Depressionen Vorschub leistet. Immerhin: Heute gibt es effiziente therapeutische Möglichkeiten diese Entwicklung zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen: Hörsysteme, Cochlea-Implantate oder eine Audiotherapie. Alleine, damit diese Mittel wirkunksvoll eingesetzt werden können, reicht eine ausgefeilte Früherkennung und Diagnostik nicht aus. Es bedarf auch einer Akzeptanz durch die Betroffenen.

Unter Schwerhörigkeit (wissenschaftlich: Hypakusis) versteht eine Verminderung der Hörfähigkeit im weitesten Sinne. Dabei reicht das Ausmaß von einer subjektiv kaum empfundenen Hörstörung bis hin zur Gehörlosigkeit. Die Diagnose „Schwerhörigkeit“ ist unabhängig von der Ursache.

Daraus ergibt sich, dass man eine Schwerhörigkeit zunächst einmal als Symptom einer Störung oder Erkrankung des Hörorganes versteht. Grundsätzlich kann auf allen Stufen des Hörens bzw. der Hörverarbeitung Schwerhörigkeit entstehen. Entsprechend abeitet man bei der Diagnose mit topografisch-funktionelle Einteilung:

  • Schallleitungsschwerhörigkeit: Störung im äußeren Ohr und Mittelohr; betroffen sind der Gehörgang, das Trommelfell oder die Gehörknöchelchen.
  • Schallempfindungsschwerhörigkeit oder sensorische Schwerhörigkeit: Störung im Innenohr (Cochlea, Hörschnecke); betroffen ist das Neuroepithel (die Haarzellen).
  • Neurale Schwerhörigkeit: Betroffen ist der Hörnerv (Nervus cochlearis), der sich am inneren Gehörgang mit dem Gleichgewichtsnerv zum N. vestibulocochlearis vereinigt.
  • Zentrale Schwerhörigkeit: Betroffen ist die zentrale Hörbahn, die sich vom Ganglion spirale über den Nucleus cochlearis und die obere Olive im Hirnstamm, die Colliculi inferiores im Mittelhirn bis zum auditiven Kortex auf der oberen Windung des Temporallappens erstreckt.
  • Sind sowohl die Cochlea als auch der Hörnerv betroffen, spricht man auch von sensorineuraler Schwerhörigkeit.

WHO teilt die Schwerhörigkeit nach Schweregraden ein

In der Praxis ist die Einteilung der Schwerhörigkeit nach dem Alter (z. B. kindliche Schwerhörigkeit, Altersschwerhörigkeit) oder dem Schweregrade üblicher. Um diese zu bestimmen, verwendet man ein Reinton-Audiogramm. In der WHO-Einteilung gilt ein erwachsener Mensch als schwerhörig, wenn er im Durchschnitt auf dem besser hörenden Ohr bei den Frequenzen 500, 1000, 2000 und 4000 Hz einen andauernden Hörverlust von mindestens 26 dB aufweist.

Wissenschaftliche Studien aus dem Jahr 2001 zeigen, dass die Zahl von behandlungsbedürftigen Hörstörungen in Deutschland recht hoch ist: Etwa 19% der Bevölkerung, also mehr als 13 Millionen Bürger, sind davon betroffen.

Weil in diesen Studien – im Gegensatz zur WHO-Definition – eine Minderung der Hörfähigkeit von mindestens 40 dB als Schwelle zur Schwerhörigkeit zugrunde gelegt wurde, dürfte die tatsächliche Zahl schwerhöriger Menschen in Deutschland deutlich höher liegen.

 

Einteilung der Schwerhörigkeit nach dem WHO-Schweregrad

(modifiziert*)

Grad der
Schwerhörigkeit
Mittlerer Hörverlust** Klinischer Befund Empfehlung
0 Normalhörig, keine
Beeinträchtigung
(no impairment)
≤ 25 dB Keine oder nur leichte Probleme bei Kommunikation, Flüstersprache wird gehört

Beratung, Verlaufskontrolle

Bei Schallleitungsschwerhörigkeit ggf. OP-Indikation

1 Geringgradige
Schwerhörigkeit
(slight impairment)
26 – 40 dB Sprache mit normaler Stimme in 1 m Entfernung vor dem Ohr wird verstanden

Beratung, ggf. Hörgerät

Bei Schallleitungsschwerhörigkeit oder kombinierter Schwerhörigkeit ggf. OP-Indikation

2 Mittelgradige
Schwerhörigkeit
(moderate impairment)
41 – 60 dB Sprache mit erhobener Stimme in 1 m Entfernung vor dem Ohr wird verstanden

Hörgerät

Bei Schallleitungsschwerhörigkeit oder kombinierter Schwerhörigkeit ggf. OP-Indikation

3 Starke Schwerhörigkeit
(severe impairment)
61 – 80 dB Bei sehr lautem Sprechen bzw. Schreien werden einige Worte verstanden (auf dem besseren Ohr)

Hörgerät

Falls Hörgerät nicht möglich, Alternativen prüfen, z. B. Cochlea-Implantat

Ergänzend Lippenlesen und Zeichensprache

4 Hochgradige
Beeinträchtigung
inkl. Taubheit
(profound impairment including deafness)
≥ 81 dB Keinerlei Sprachverständnis bei maximaler Lautstärke

Hörgeräte-Trageversuch

Bei Scheitern in der Regel heute Indikation zur Cochlea-Implantation, ggf. auch Hirnstammimplantat

Ergänzend ggf. Lippenlesen und Zeichensprache

 

* Die WHO benennt einen Erwachsenen als schwerhörig, wenn er im Mittel auf dem besser hörenden Ohr bei den Frequenzen 500, 1000, 2000 und 4000 Hz einen bleibenden Hörverlust von mindestens 26 dB aufweist.

Betroffene verweigern sich oft der Tatsache, weil sie ihre der Hördefizite kompensieren

Schwerhörigkeit kommt mit einer Quote von 10 bis 30% bereits im Kindesalter vor. Wir beschäftigen uns hier allerdings mit dem geschädigten Hörvermögen von Erwachsenen im Allgemeinen und Senioren im Speziellen.

Tatsächlich ist bei Erwachsenen die altersbedingte Schwerhörigkeit Alters dominant. In der Altersgruppe der 61- bis 70-Jährigen liegt die Rate der sogenannten Altersschwerhörigkeit (wissenschaftlich: Presbyakusis) bei etwa 37%. Diese Quote steigt in der Gruppe der 71- bis 80-Jährigen auf etwa 60% an. Männer sind davon übrigens häufiger betroffen sind als Frauen.

Die demografischen Veränderungen in Deutschland wird dafür, dass der Anteil schwerhöriger Menschen in den kommenden Jahren weiter ansteigt.

Was statistisch durch objektive Bewertungskriterien belegt werden kann, wird in der Öffentlichkeit weit weniger deutlich wahrgenommen. Der Grund: Bestehende Defizite beim Hörvermögen werden von den Betroffenen häufig negiert. Das ist möglich, weil man Hörschwächen, anders als Sehschwächen relativ lange kompensieren kann. Es erstaunt deshalb nicht, dass bei Befragungen der Anteil an Hörgeschädigten tiefer liegt, wie amtlich ausgewiesen.

Weshalb die Betroffenen das machen, darüber kann man natürlich nur spekulieren. Vermutlich ist jedoch das Gefühl, dass die Schwerhörigkeit ein Symbol für einen altersbedingten Zerfall ist, ein wichtiges Motiv.

Für Schwerhörigkeit gibt es viele Gründe und Ursachen

Sicher ist, dass Schwerhörigkeit im Alter statistisch gehäuft auftritt. Allerdings ist es umstritten, ob es eine natürliche Alterung des Hörorgans gibt. Dagegen sprechen zum Beispiel Untersuchungen von Naturvölkern im Sudan (welche keiner zivilisatorischen Belastung ausgesetzt sind). Deren Hörvermögen ist nach dem 70. Lebensjahr weitgehend unverändert. Deshalb geht man heute davon aus, dass die meisten Hörprobleme im Alter einem Mix verschiedener Fakturen entspringen:

  • Presbyakusis: 1. Störung der mikrovaskulären Versorgung der kochleären Haarzellen mit nachfolgender Ischämie, Hypoxie und oxidativem Stress, 2. degenerative Abbauprozesse im Bereich der zentralen Hörbahn (Untergang von Neuronen, Verlust von Neurotransmittern und Rezeptoren).
  • Soziakusis: Umweltfaktoren, vor allem Lärmexposition (Intensität und Dauer). Tierexperimentell gibt es Hinweise, dass starke Lärmbelastung nicht nur das Innenohr, sondern auch höhere auditorische Zentren entlang der Hörbahn schädigen kann.
  • Nosoakusis: nicht lärmbedingte und altersunabhängige Hörschäden, z. B. durch Schädel-Hirn-Trauma, viral bedingt, erblich bedingt oder stoffwechselassoziiert (z. B. Diabetes).

So gesehen ist es deshalb nicht richtig, von “Schwerhörigkeit im Alter” und “Altersschwerhörigkeit” zu sprechen.

Nicht nur mittlere und tiefe Frequenzen betroffen

In früheren Studien haben audiometrische Untersuchungen nahegelegt, dass die Hörminderung in erster Linie hohe Frequenzbereiche betrifft. Neuere Untersuchungen zeigen allerdings, dass die Hörminderung im Alter besonders bei tiefen und mittleren Frequenzen verstärkt auftritt. Und das hat Konsequenzen, denn für das Sprachverständnis ist genau dieser Bereich von größter Bedeutung!

Wie bereits erwähnt, kann Schwerhörigkeit relativ lange kompensiert, bzw. überspielt werden. Etwa indem das Radio oder das Fernsehen zunehmend lauter gestellt werden. Oder im Falle einer einseitigen Schwäche der Hörfähigkeit: Die Betroffenen wenden sich den sprechenden Personen so zu, dass das gesunde Ohr optimal positioniert ist. Andere versuchen durch Lippenlesen die Lücken des Verständnisses zu füllen.

Man kann solche Kompensationsversuche als Außenstehende jedoch durchaus erkennen:

  • Bei zunehmenden Umgebungsgeräuschen lässt das Sprachverständnis nach.
  • In großen, hallenden Räumen kommt es vermehrt zu sprachlichen Missverständnissen. Etwa, wenn Antworten auf Fragen gegeben werden, welche so nicht gestellt wurden.
  • Die Zahl der Nachfragen nimmt zu.
  • Hörgeschädigte sprechen oft mit einer zu lauten Stimme.

Das Risiko für Demenz, Depression und Unfälle erhöht sich

Früher oder später führt Schwerhörigkeit beinahe zwangsläufig zu Problemen in der Kommunikation. Dabei dürfen wir nicht den Fehler begehen und „Kommunikation“ zu eng zu definieren. Denn Kommunikation dient keinesfalls nur im Austausch von Informationen. Es ist auch die Basis für soziale Beziehungen, sowie dem Erhalt der individuellen Persönlichkeitsstruktur.

Eine verminderte Kommunikationsfähigkeit führt zu Störungen im sozialen Beziehungsgeflecht. Studien zeigen, dass eine solche Entwicklung das Risiko an einer Depression oder an Demenz zu erkranken, massiv erhöht. So kann sich das Risiko von Demenz – je nach dem Schweregrad der Hörstörung – um den Faktor 5 erhöhen!

Naheliegend ist auch, dass die Fähigkeit von Schwerhörigen, Gefahren und Warnsignale rechtzeitig wahrzunehmen, reduziert ist. Entsprechend sind sie vermehrt Opfer von Unfällen.

Alles in allem führt das dazu, dass gemäß der “Global Burden of Disease”-Studie der WHO Hörstörungen in den Industrienationen zu jenen sechs Erkrankungen zählen, welche die Lebensqualität der Betroffenen am stärksten einschränken.

Hörminderung im Alter bedeutet

  • das schlechtere Verstehen von Sprache (vor allem im Störschall, d. h. bei Umgebungslärm),
  • ein verlangsamtes Hören (durch die verzögerte synaptische Übertragung werden schnell dargebotene akustische Reize schlechter verstanden),
  • das eingeschränkte Richtungshören.

Die soziale Isolation von Schwerhörigen ist schon lange bekannt

Die Erkenntnis, dass Schwerhörigkeit zu Störungen in der Kommunikation und damit zu einem Verlust an sozialen Beziehungen führt, ist alt. Das zeigt zum Beispiel das Zeit von Immanuel Kant: “Nicht sehen können trennt von den Dingen, nicht hören können von den Menschen.”

Kein Wunder also, dass man schon früh versucht hat, diese Schwächen durch Hilfsmittel zu lindern. So gab es bereits im 17. Jahrhundert die ersten Hörrohre. Deren Prinzip bestand darum, die Geräusche zu verstärken, damit sie von den Hörgeschädigten besser wahrgenommen werden konnten.

Mögliche Therapieformen

Therapeutisch steht bei Schwerhörigkeit im Alter erwartungsgemäß der Einsatz von Hörgeräten im Vordergrund. Wird durch den HNO-Arzt eine “Ohrenärztlichen Versorgung einer Hörhilfe” ausgestellt, führt der weitere Weg über den Hörgeräteakustiker. Dieser ermittelt das individuell am besten geeignete Hörgerätemodell. Dieses muss für einen “an Taubheit grenzenden Patienten” folgenden technischen Anforderungen genügen:

  • Digitaltechnik
  • Mehrkanaligkeit (mindestens vier Kanäle)
  • Rückkopplungs- und Störschallunterdrückung
  • Mindestens drei Hörprogramme
  • Verstärkungsleistung ≥ 75 dB

Hörgeräte als erste Wahl

Ein modernes Hörsystem verfügt deshalb über mehrere Mikrofone, um so eine klar definierte Richtcharakteristik zu erzielen. Das erlaubt es, Geräusche aus bestimmten Richtungen zu reduzieren und Nutzsignale (Sprache) gezielt zu betonen.

Integrierte Mechanismen zur Störschall- und Rückkopplungsunterdrückung (“Pfeifen”) sind inzwischen gehobener Standard. Außerdem funktioniert die Verstärkung nichtlinear, um die sich verändernde Hördynamik der Patienten zu berücksichtigen.

Ohrgeräte gibt es in einer Hinter-dem-Ohr-Bauform (HdO) oder als im Ohr getragene Geräte (IO).

Obwohl die Geräte heute unscheinbar klein und oft kaum zu sehen sind, benutzen nach wie vor viele schwerhörige Senioren kein Hörgerät. Die Gründe liegen zum einen an persönlichen Faktoren (Bagatellisierung, Stigmatisierung, mangelnde Compliance). Zum anderen haben viele Menschen Vorbehalten, weil sie erlebt haben, dass Freunde, Bekannte und Verwandte über Funktionsdefizite klagen. Solche können zum Beispiel eine Mangelhafte Störgeräuschunterdrückung oder eine individuell unzureichende Anpassung der Geräte sein.

Die auditiv-verbale Therapie – Training fürs Gehirn

Neben dem technischen Ausgleich der Hörschwäche durch Hörgeräte, spielt die Hörtherapie (die sogenannte auditiv-verbale Therapie) eine wichtige Rolle. Dieser fällt besonders bei älteren Schwerhörigen eine besonders wichtige Funktion zu. Bei der auditiv-verbalen Therapie wird mit den Betroffenen gezielt Hören und repetitives Sprechen zur Erkennung von Klang- und Schallmustern geübt. Damit soll die Fähigkeit des Gehirns, sich den Anforderungen anzupassen, trainiert werden. Ziel der Übungen ist (vereinfacht gesagt), unzureichend genutzte Nervenbahnen zum Hörsystem zu “reaktivieren”. Damit wird auch der Wortschatz im Allgemeinen und die Fähigkeit der Großhirnrinde trainiert, Begrifflichkeiten und Situationen zusammenzuführen.

Hörimplantate – der kleine Mann im Ohr

Mehr und mehr kommen inzwischen auch Hörimplantate zum Einsatz. Diese werden durch einen kleinen chirurgischen Eingriff ins Mittel- oder Innenohr eingepflanzt. Dadurch wird es möglich die Hörnerven direkt mechanische oder elektrisch zu stimulieren.  Als Vorteil ergibt sich dadurch eine natürlicher Klangqualität, sowohl bei der Sprache, als auch bei Musik. Zudem können Einzeltöne besser unterschieden werden (vor allem im Bereich des Hörschalls). Im Vergleich zu den Hörgeräten fällt das Rückkopplungspfeifen weg.

Besonders bei älteren Menschen, welche wegen einer Schädigung der Haarzellen im Innenohr stark schwerhörig sind, sind Cochlea- oder Innenohrimplantate zu empfehlen. Diese sind in der Lage akustische Informationen in elektrische Impulse zu wandeln und dann direkt in die intakten Bereiche der zentralen Hörbahn einzuspeisen. Durch die Verbesserung des Wortverständnisses um mehr als 90% wird dadurch eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität erreicht.